Der Feind in meinem Bauch

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chickenwings
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Der Feind in meinem Bauch

Beitragvon chickenwings » 28.07.2012, 23:40

Moin Mädels,
ich habe jetzt ungefähr ein Jahr dieses Forum mitgelesen und bin - wie so viele andere hier - unendlich froh und dankbar dafür, dass es gegründet wurde. Würde es alle Eure Einträge nicht geben, hätte ich ernsthaft geglaubt, dass ich einen Sprung in der Schüssel habe. Heute will auch ich meinen Beitrag dazu leisten, dass eine weitere Stimme dazukommt, die nicht gerade rosige Zeiten mit der Mirena erlebt hat. Und ich hoffe, anderen damit helfen zu können, denen es ebenso ergeht/ergangen ist wie mir. Also, rewind zum Anfang: Ich habe mir im Juli 2008 im selben Atemzug mit einer Abtreibung die Mirena einlegen lassen. Ich bin ungewollt schwanger geworden und habe mir, von meinem Frauenarzt angepriesen als das perfekte Verhütungsmittel, die Mirena aufschwatzen lassen. Wie bei so vielen hier, kein Wort zu den möglichen Nebenwirkungen. Wobei ich ehrlich zugeben muss, ich hatte nicht nur die aufgehübschte Broschüre, sondern auch den Beipackzettel zur Verfügung. Da ein anderer Arzt die Abtreibung vornahm, bekam ich die "volle Packung" Mirena für den Termin mit. Das heißt, ich hatte die Möglichkeit, vorher mal einen Blick auf den Beipackzettel zu werfen. Aber ich war damals zu sehr damit beschäftigt, überhaupt mit der schweren Entscheidung zu einer Abtreibung klarzukommen, dass ich keinen Gedanken an mögliche Auswirkungen der Mirena verschwendet habe. Ich wollte es, einmal entschieden, einfach nur hinter mich bringen. Nach dem Eingriff und dem Einsetzen der Mirena habe ich ungefähr ein halbes Jahr durchgeblutet. Ich konnte anfangs nicht sagen, ob es vom Schwangerschaftsabbruch oder von der Spirale kam. Mein Körper und meine Seele waren eh am ganz persönlichen Ground Zero. Die Dauerblutung hörte dann irgendwann auf und mein Zyklus pendelte sich allmählich wieder ein. Ich bekam meine Tage regelmäßig und sehr schwach. Über die folgenden eineinhalb Jahre kann ich nichts Mirena-Relevantes berichten, außer dass ich kontinuierlich an Gewicht zunahm und einen Haarwuchs an Körperstellen bekam, dass ich dachte, ich mutiere zu einem Flokatiteppich. So richtig los ging es dann ab 2011. Ich war im Supermarkt und plötzlich bekam ich Herzrasen, so eine ganz merkwürdige innere Nervosität, alles drehte sich, ich fing furchtbar an zu schwitzen. Ich dachte, ich muss hier sofort raus, sonst sterbe ich an Ort und Stelle, zwischen Blumenkohl und Karotten - was für ein Abgang. Ich habe sofort die Flucht ergriffen. Das war meine erste Panikattacke. Damals wusste ich nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Ich hatte keine Ahnung was mit mir los ist. Von da an kamen sie immer wieder und ich hatte einfach keine Erklärung dafür. Es erwischte mich wie aus dem Nichts, in allen möglichen Alltagssituationen. Ich war in keinem anderen Lebensstress als sonst auch. Von da an hatte ich fast täglich damit zu kämpfen, immer so ein unterschwelliges Gefühl, dass irgendwas nicht mit mir stimmt. So, als ob ich neben mir stünde, als ob ich die Welt um mich herum von außen betrachte und nicht mehr Teil von ihr bin. Plötzlich kam ich nicht mehr klar mit Einkaufszentren, der U-Bahn, Menschenmassen, auf der Arbeit, in Restaurants, ach, eigentlich überall. Ich dachte immerzu, gleich legst du dich nieder, gleich passiert es. Oft fühlte ich, als ob ein bleiernes Gewicht sich auf meinen Brustkorb legt, als ob ich kaum atmen könnte. So ein Stechen in der Herzgegend, Schwindelanfälle, Schweißausbrüche, Puls bei 180 beats per minute. Gelegentlich bekam ich auch schlimme Migräneanfälle, die ich vorher nie hatte. Also mied ich fortan alles, was diese Symptome hervorrufen oder bestärken könnte. Ich hörte auf zu rauchen, Kaffee und Alkohol waren gestrichen. So ganz schleichend fing ich an, mich immer mehr zurückzuziehen, Situationen zu meiden, die diese Panik auslösen könnten. Verabredungen, Neues ausprobieren, oh nein, es könnte ja... Die tägliche Fahrt zur Arbeit wurde zur Hölle. Und auch im Büro hatte ich immer wieder so Momente, dass ich einfach nicht zuhören konnte. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, es rauschte alles so an mir vorbei. Ich musste mich immer wieder zusammenreißen, nicht gleich komplett auszuflippen. Meine Seele verdunkelte sich zunehmend. Und das war einfach nicht ich. Also marschierte ich zum Arzt, der mich von Kopf bis Fuß durchcheckte. Bluttest, EKG, you name it. Diagnose: Sie sind kerngesund. Was ja eine Menge Wert ist. Einerseits war ich natürlich furchtbar erleichtert, andererseits half es nicht, da "es" einfach nicht aufhörte. Und da fing ich an zu googlen und stieß auf dieses Forum. Ich hätte meine Zipperlein, meinen Zustand, ansonsten nie auf die Mirena zurückgeführt. Als ich all diese Berichte hier las, musste ich gleichzeitig lachen und weinen. All diese Frauen, denen es so oder ähnlich erging wie mir. All diese Frauen, die auch dachten, sie würden allmählich den Verstand verlieren und in ihre Depressionen abdriften. Es zermürbt einen so sehr, tagein, tagaus zu versuchen, mit diesen Beschwerden trotzdem zu leben. Ich ließ mir die Mirena nach dieser "Entdeckung" gleich am nächsten Tag ziehen. Ich dachte mir, bevor ich diese Odyssee durchmache wie so viele von Euch, zum Psychiater zu gehen, Psychopharmaka zu schlucken etc., will ich zumindest versuchen, zunächst den Faktor Mirena auszuschließen. Das Ziehen war nicht ohne, der Rückholfaden war weg. Der erste Versuch ging daneben, aber ich wollte sie unbedingt raus haben. Zweiter Anlauf zwei Tage später. Dasselbe Prozedere, nur mit Tablette, die den Muttermund weich- und dehnbarer macht. Ich will Euch nichts vormachen, es war schmerzhaft, aber ich hätte noch ganz andere Qualen in Kauf genommen damit dieser Albtraum endlich aufhört. Die ersten Wochen nach dem Ziehen: keine nennenswerte Verbesserung meines Zustands. Herzrasen, Schweißausbrüche, Panikattacken hatte ich weiterhin, wenn auch seltener und in abgeschwächter Form. Immerhin verschwanden die Migräneanfälle. Meine Tage hatte ich weiterhin regelmäßig und auch wieder etwas stärker. Einige Monate später: begann ich ernsthaft daran zu zweifeln, dass es an der Mirena lag. Es war ein einziges Auf und Ab. Mal besser, mal schlechter. Heute, ziemlich genau ein Jahr später: alles ist deutlich besser geworden. Ich bin wieder viel positiver gestimmt, ich kann mich wieder erfreuen an den kleinen und großen Dingen des Lebens. Ich traue mich wieder alles - raus aus dem Schneckenhaus und rein ins Leben. Panik? Kaum mehr. Geholfen hat mir schlussendlich auch panicend.com. Als ich schon ganz verzweifelt war und nicht mehr geglaubt habe, dass es je wieder besser wird, habe ich dort Hilfe gefunden. (Nur ein Tipp, falls es Euch ebenso ergeht wie mir). Heute bin ich überzeugt davon, dass die Mirena der Auslöser all dessen war, nur irgendwann werden diese Beschwerden zum Selbstläufer. Du hast einfach nur noch Angst vor der Angst, und es ist schwer zu sagen, ob es noch von dem Hormonchaos herrührt, das die Mirena verursacht, und ab wann es reine Kopfsache ist. Klar könnte ich jetzt die Mirena für jeden "Pups" verantwortlich machen, den ich seit dem Einlegen hatte. Wie gesagt, ich glaube, sie war der Auslöser. Ich habe auch Freunde von mir in die Spur geschickt, die Ärzte sind und an Informationen zur Mirena kommen, die uns Normalsterblichen vorenthalten bleiben. Ich habe Berichte gelesen, da sträubten sich mir die Nackenhaare. U.a. Gewichtszunahme? Nervosität? Herzrasen? Erhöhter Blutdruck? Angstzustände? Panik? etc., etc. Alles da. Ein Jahr später geht es bei mir endlich wieder bergauf. Das Einzige sind noch die leidigen Haare und Kilos. Ich hatte vor der Mirena ca. 58kg und heute? Rund 75kg haben sich auf Taille (wenn man es noch so nennen kann), Hüften, Hintern, Beinen, Armen verteilt. Nicht zu vergessen mein Busen: von BH-Größe C auf DD - mit den Dingern könnte ich Fallschirmspringen. Victoria's Secret würde mich jedenfalls nicht buchen. Aber was solls, die Pfunde und den Pelz werde ich auch wieder los. Ein Klacks, verglichen mit dem psychischen Albtraum.
Nach diesem Roman kann ich jedenfalls nur die Bilanz ziehen: Es gibt ein Leben nach der Mirena. Es wird besser. Es bedarf allerdings einer Menge Geduld und Durchhaltevermögen. Aber wenn ich es geschafft habe, schafft Ihr es auch. Ganz bestimmt!
(37 Jahre, keine Kinder, Mirena von Juli 2008 bis August 2011)

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